13. März 2026 · Artikel
Vibe Working: Die gefühlte Produktivität
Autorin: Maja

Eine Mail kommt rein. Ich kopiere sie in mein System, gebe einen Impuls — an wen die Antwort geht, was das Ziel ist, vielleicht ein, zwei Gedanken zur Richtung. Das System kennt den Empfänger, weiß wie er angesprochen werden muss, kennt das Projekt, kennt die Regeln. Was zurückkommt, braucht bestenfalls eine kleine Korrektur.
Der Output ist nicht das, woran ich arbeite. Der Output ist das, was unvermeidlich entsteht, wenn der Kontext stimmt.
Das klingt nach Zukunftsvision. Für mich fühlt sich das an wie Alltag.
Und genau das ist das Irritierende: Der Shift war so graduell, dass er sich normal anfühlt. Aber wenn man einen Schritt zurücktritt und vergleicht, wie die meisten Menschen heute mit KI arbeiten — losgelöste Einzelaufgaben in ein Chatfenster tippen, jedes Mal den Kontext neu erklären — dann wird der Abstand sichtbar.
Am Anfang tippt man Einzelaufgaben in ein Chatfenster. Das funktioniert, aber jede Aufgabe startet bei null. Irgendwann baut man sich Custom GPTs oder Gems — spezialisierte Assistenten mit eigenen Instruktionen. Besser, aber fragmentiert. Jeder Assistent ist eine Insel, keiner weiß, was der andere tut. Viele versuchen, diese Lücke über Memory zu schließen — das Modell soll sich merken, was es beim letzten Mal gelernt hat. Aber Memory approximiert bestenfalls. Sie ersetzt kein System.
Der eigentliche Schritt ist ein anderer: Die eigene Arbeit einmal so beschreiben, dass das System bei jeder Aufgabe den richtigen Kontext findet — wer angesprochen wird, in welchem Projekt, mit welcher Strategie, in welchem Ton. Nicht weil es sich erinnert, sondern weil ich es aufgeschrieben habe. Wenn sich etwas ändert, ändert man es an einer Stelle. Irgendwann aktualisiert sich das System sogar selbst — es erkennt Veränderungen und schlägt Anpassungen vor. Man bestätigt, korrigiert, oder verwirft.
Im Chat mit einem LLM zu arbeiten fühlt sich produktiv an. Das ist das Problem. Es kommt viel zurück — schnell, eloquent, und mit der steten Versicherung, dass man gerade an etwas Wichtigem arbeitet und die richtigen Fragen stellt. Das Outputvolumen allein erzeugt ein Gefühl von Fortschritt. Vibe Working — nicht ergebnisorientiert, sondern stimmungsgetrieben. Produktiv genug, um nie zu fragen, ob es auch anders geht. Und genau deshalb bleibt man bei Einzelaufgaben stehen — nicht weil man nicht weiterkommt, sondern weil man keinen Grund sieht weiterzugehen. Das ist die Falle.
Der Weg raus kam nicht durch ein besseres Tool, sondern durch eine andere Erkenntnis: Meine Arbeit sah individuell aus, bis ich angefangen habe, sie ehrlich zu analysieren. Kommunikation in verschiedenen Registern, Informationsverarbeitung, Entscheidungsvorbereitung, wiederkehrende Formate — was sich ändert, ist der Inhalt. Was gleich bleibt, ist das Muster. Und Muster kann man beschreiben. Irgendwann habe ich angefangen, bei noch so kleinen Aufgaben die Mühe zu machen, sie nicht nur zu erledigen, sondern genau das zu tun — den Prozess dahinter festzuhalten.
Am Anfang ist das der langsame Weg. Eine Aufgabe, die in fünf Minuten erledigt wäre, braucht plötzlich eine halbe Stunde — weil man nicht nur das Ergebnis will, sondern verstehen will, was sich daran wiederholt. Das fühlt sich an wie Zeitverschwendung. Aber irgendwann kippt es. Je mehr Kontext schon da ist, desto kleiner wird die nächste Investition. Und dann ist der saubere Weg nicht mehr der langsame Weg — er ist der schnelle Weg. Nicht weil man disziplinierter geworden ist, sondern weil sich das System aufgebaut hat.
Was das System nicht kann: alles. Es liefert solide erste Entwürfe, gute Strukturen, saubere Routinearbeit. Aber je näher man an Exzellenz will, desto mehr eigene Arbeit steckt drin. Und je länger man so arbeitet, desto weiter steigt der eigene Anspruch an das, was zurückkommt — man gewöhnt sich an gute Ergebnisse und erwartet bessere. Zu wissen, wo man diese Arbeit investiert und wo der erste Entwurf reicht — das ist selbst eine Kompetenz, die einem kein System abnimmt.
Kürzlich hatte ich zwei Auftritte auf einer Branchenmesse vorbereitet — ein Bühneninterview und eine Paneldiskussion mit mehreren Teilnehmern. Ich brauchte Moderationskarten für beide Formate. Was ich bekam, waren fertige, inhaltlich präzise Karten — formatiert, druckfertig, beim ersten Anlauf, ohne eine einzige Korrektur.
Das war kein Zufall. Ich hatte über Wochen den Kontext aufgebaut — Themen recherchiert, öffentliche Auftritte der Beteiligten ausgewertet, ein Vorgespräch geführt, einen narrativen Bogen entwickelt. Für das Panel die verschiedenen Perspektiven der Teilnehmer und die Spannungslinien zwischen ihnen. Das alles lag bereits im System. Die Karten waren nicht der schwierige Teil — sie waren das unvermeidliche Ergebnis.
Und ich war stolz darauf. Nicht trotz KI, sondern wegen des Systems dahinter. Wer seine Arbeitsweise so klar durchdrungen hat, dass er sie beschreiben kann, hat etwas geleistet. Das ist kein Eingeständnis, das ist Kompetenz. Was dabei entstanden ist, nenne ich ein Personal Operating System — eine explizite, strukturierte Beschreibung davon, wie ich denke, arbeite und kommuniziere.
Es gibt Tage, an denen fühlt sich keine Aufgabe zu groß an. Das System greift, der Kontext sitzt, der Output kommt. Man merkt, dass man irgendwo anders steht als die meisten — nicht besser, aber an einem anderen Punkt.
Und dann gibt es Tage, an denen man denkt: Ich kann gar nichts. Weil man sieht, wie viel mehr noch möglich wäre. Weil jede Tür, die man aufmacht, drei neue zeigt. Weil der eigene Anspruch mit dem System mitwächst.
Beides ist gleichzeitig wahr. Und das kennt fast niemand, weil fast niemand weit genug ist, um diese Spannung zu erleben. Das ist die eigentliche Erfahrung auf der anderen Seite — keine Euphorie, kein „ich hab’s geschafft“, sondern eine neue Art von Normalität, die ihren eigenen Zweifel mitbringt.
Was genau fällt weg, wenn ein System die Ausführung übernimmt? Und was bleibt?
Routinearbeit im Kopf — Mails formulieren, Dokumente strukturieren, Informationen zusammenführen — war streng genommen schon immer vermeidbar. Die meisten dieser Aufgaben existieren nicht, weil sie unvermeidlich wären, sondern weil es bisher billiger war, sie manuell zu erledigen, als ein System dafür zu bauen. Oder weil niemand den Aufwand betrieben hat, die eigenen Abläufe so klar zu durchdringen, dass sie sich beschreiben ließen.
Der größte Teil dessen, was KI in der täglichen Arbeit verändert, ist keine neue Fähigkeit — sondern eine alte, deren Schwelle gefallen ist. Die Lösungsansätze waren oft da, nur der Aufwand war zu hoch. Was sich verschiebt, ist das ökonomische Kalkül.
Was bleibt, wenn diese Schwelle fällt, ist die Arbeit, die sich nicht delegieren lässt — nicht an ein System und nicht an eine andere Person. Urteilen, entscheiden, Richtung geben. Für mich ist das klarer geworden. Nicht weil die Antwort neu wäre, sondern weil sie vorher im Tagesgeschäft untergegangen ist.